Analog #1: Mamiya C220


Das bisherige Jahr 2018 hat mich ein wenig nachdenklich gemacht. Die Fotografie im Allgemeinen, aber auch mein persönlicher Umgang damit sind unfassbar schnelllebig geworden. Vor nicht einmal einem Monat habe ich ein fotografisches Projekt umgesetzt, welches wochenlang akribisch und mit wahnsinnig viel Liebe für die Details der Location, des Bildaufbaus, der Requisiten und der Ausleuchtung geplant wurde. Daraus resultierte gleich ein ganzer Schwung schöner Bilder, auf die ich sehr stolz bin und die mir auch wegen der persönlichen Erinnerungen an das Shooting einen emotionalen Mehrwert liefern. Dennoch - gefühlt liegt dieses Projekt schon wieder ewig bei den Akten und ist in den sozialen Medien schon lange in Vergessenheit geraten.

Nun soll man sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen und neue Projekte müssen geplant und umgesetzt werden. Tatsächlich habe ich seither schon wieder ein weiteres Projekt geplant, umgesetzt, bearbeitet, abgegeben, veröffentlicht und... gedanklich archiviert - auch dieses Projekt liegt gerade einmal zwei Wochen zurück.

Wie lange kann man diesen Prozess wiederholen, bevor man ausbrennt?
Ist es so, dass der Wert und die Bindung zum einzelnen Bild mit der Zeit abnimmt, wenn die Menge an Bildern, die man produziert und konsumiert steigt?
Ich kann diese Fragen nicht einmal für mich beantworten und möchte dies noch viel weniger verallgemeinernd tun. Aber das Bedürfnis nach liebevoller Handarbeit, nach Unikaten und nach Entschleunigung des gesamten fotografischen Prozesses hat in mir zugenommen.
Daher begann ich in den letzten Wochen mich wieder auf die Suche zu begeben nach den historischen Wurzeln der Fotografie, wie ich sie heute praktiziere.

Und tatsächlich bin ich dabei sogar noch auf viel mehr gestoßen...

'Da lob ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht,
noch von einem richt'gen Menschen mit dem Kopf erdacht'
- Reinhard Mey

Erlernt habe ich die Grundlagenbeziehung zwischen Blende, Belichtungszeit und ISO noch zu analogen Zeiten dank Vater und Großvater. Bei der Haushaltsauflösung meines verstorbenen Großvaters vor fünf Jahren konnten einige alte Kameras geborgen werden, die sich nun in meinem Besitz befinden. Insgesamt drei Filmformate: Mikrofilm (16mm), Kleinbildfilm (35mm) und Rollfilm (Format 120).
Jedoch sind die meisten dieser Kameras nicht mehr funktionstüchtig. Eine Ausnahme stellt die gut erhaltene Mamiya C220 dar. Eine Kamera, die aufgrund ihrer altertümlichen Technologie einen ganz eigenen Charme ausstrahlt.

Mamiya C220 - eine zweiäugige Spiegelreflexkamera (Twin-Lens-Reflect: TLR)

Das Grundprinzip dieser Kamera, nämlich die Fokussierung von Lichtstrahlen auf das dahinterliegende Filmmaterial (bzw. Sensor), ist natürlich noch dasselbe, wie bei jeder anderen, jemals gebauten Kamera auch. Davon ab ergeben sich allerdings hinsichtlich des mechanischen Aufbaus eine ganze Menge Unterschiede zu den heutzutage üblichen Spiegelreflex oder gar Systemkameras. 

 


Der offensichtlichste Unterschied besteht darin, dass die Kamera zwei Linsensysteme besitzt. Obwohl beide Objektive denselben optischen Aufbau besitzen unterscheiden sie sich dennoch. Mechanisch ist der obere Linsenaufbau deutlich schlanker ausgestattet.
Der Grund hierfür besteht darin, dass beide Linsensysteme unterschiedlichen Teilaufgaben des fotografischen Prozesses dienen. Erst mit der einäugigen Spiegelreflexkamera wurden diese Prozesse in einer Linse vereint. Heutzutage sind sie so selbstverständlich, dass wir uns gar nicht mehr bewusst sind, dass es sich dabei einmal um zwei Einzelprozesse gehandelt hat.
Daher gehen wir doch vom heutigen Stand der Technik einmal auf eine kleine Reise in die Vergangenheit...

Exkurs - Bildaufbau, Einstellungen, Belichtung... ein historischer Rückblick


 

Fotografie mit digitaler Systemkamera:
Betrachten wir heutige Digitalkameras ohne optischen Sucher (in Form von Handy, Kompakt- oder Systemkamera) so sehen wir auf dem Display ein 1:1 Vorschaubild davon, wie das fertige Bild später aussehen wird. Wir brauchen nicht mehr "selbst" zu sehen. Außer wir verwenden Lichter, welche die Kamera nicht sehen kann - sprich: Blitze. Eine Kamera, welche in der Lage ist uns bereits vor dem Foto zu sagen, wie ein geblitztes Bild später aussehen wird, wäre der nächste Schritt. Technisch unmöglich ist dies absolut nicht und ich bin davon überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch diese Disziplin erschlossen wird. Aber richten wir den Blick wieder in die andere Richtung der Zeitachse.

Fotografie mit digitaler Spiegelreflexkamera: 

Vor den rein digitalen Systemkameras gab es das "Hybridsystem" der digitalen Spiegelreflexkameras, beziehungsweise noch immwe gibt es sie. Jedoch wird ihrem Zeitalter zunehmend der nahende Tod diagnostiziert. Blickt man durch ihren optischen Sucher, so sieht man bereits wie der Bildaufbau des fertigen Bildes aussehen würde. Jedoch schaut man nicht auf ein simuliertes Vorschaubild, sondern sieht die Welt noch direkt mit eigenen Augen.
Beim Auslösen der Kamera kann das tatsächliche Bildergebnis deutlich von dem Abweichen, was man mit eigenen Augen sieht. Denn die Belichtungsergebnisse, welche sich aus den Kameraeinstellungen ergeben, können natürlich nicht berücksichtigt werden. Wer viel im manuellen Modus fotografiert wird die Situation kennen, die sich ergibt, wenn man blindlings aus einem dunklen Innenraum heraus in die Natur tritt und zunächst ein gänzlich überbelichtetes Foto schießt. Bei der Nutzung von Automatikfunktionen bleibt diese (wertvolle) Erfahrung in der Regel aus. Heutzutage ist dies natürlich kein Weltuntergang mehr. Ein kurzer Blick auf das fertige Bild verrät einem überdeutlich: "Stell deine Kamera richtig ein, du Honk!"

 

Fotografie mit analoger (einäugiger) Spiegelreflexkamera mit Belichtungshilfe:
Was wäre, wenn im zuletzt genannten Beispiel der Blick auf das Kameradisplay nicht möglich wäre? Beispielsweise weil es sich um eine analoge Kamera handelt? Der Wink mit dem Zaunpfahl, dass die Kamera falsch eingestellt ist, bleibt dann aus. Im schlimmsten Fall hat man dann einen ganzen Film voller unwiederbringlicher, überbelichteter Momentaufnahmen. Aber woher weiß ich wie hell es gerade ist? Wie hell ist es im Schatten eines Baumes, in einer gut ausgeleuchteten Produktionshalle, in einer schwummrig beleuchteten Bar oder im grellen Sonnenschein? Welche Einstellungen sind die richtigen?
Im einfachsten Fall besaß auch die analoge Spiegelreflexkamera bereits eine Automatikfunktion und die Kamera hat dies eigenständig übernommen.
Für Menschen, die manuelle Einstellungen bevorzugen, besaßen einäugige Spiegelreflexkameras der 80er und 90er Jahre eine Belichtungswaage. Digitale Spiegelreflexkameras besitzen diese übrigens auch noch. Sie ist klein, grün und erscheint im Sucher als Lineal am unteren Bildrand. Wobei kaum noch einer sie wirklich beachtet - lieber nachher aufs Display gucken, als vorher auf die Belichtungswaage.

Fotografie mit Kamera ohne Belichtungshilfe:

Noch komplizierter wird die Welt, wenn die Kamera weder eine Automatikfunktion noch eine Belichtungswaage besitzt. Stützräder ab, Leinen los - jetzt wirds ernst! Wie hell es ist muss nun komplett aus der Erfahrung heraus geschätzt werden (oder mit Handbelichtungsmesser ermittelt). Das Erlebnis der Fotografie wird hierbei auf ein komplett neues Level gehoben. Sieg oder Niederlage liegen wie die Kamera ausschließlich in den Händen des sie bedienenden Menschen. Die Ergebnisse gibt es, wie bei einer Klausur, erst Tage oder Wochen später (sofern man nicht selbst entwickelt).
Natürlich ist die Präsenz von Automatikfunktionen nicht zwingend an die mechanische Konzeption der Kamera gebunden. Es gibt einäugige, sowie zweiäugige Spiegelreflexkameras ohne Belichtungshilfe. Bleiben wir erst einmal bei den Zyklopen. Vom rein mechanischen Ablauf der Fotografie her ändert sich natürlich nichts, egal ob mit oder ohne Belichtungshilfe. Noch immer geht der Blick zuerst über den optischen Prismensucher anschließend über einen Spiegel direkt durch das Objektiv der Kamera hindurch. Noch immer entsprechen sich "Vorschaubild" und tatsächliches Foto hinsichtlich ihrere Perspektive exakt.

 

Fotografie mit zweiäugiger Spiegelreflexkamera:

Bei der zweiäugigen Spiegelreflexkamera ändert sich daran erstmals etwas. Das obere Auge der Kamera dient dem Bildaufbau, das untere der Fotografie. Da der optische Linsenaufbau beider Optiken identisch ist (Lichtstärke, Brennweite) kommt das fertige Foto dem gesehenen Vorschaubild sehr nahe. Jedoch entsprechen sie nicht gänzlich einander. Einerseits tritt ein Parallaxenfehler auf. Dieser wird um so stärker, je kürzer die Fokusdistanz zum Motiv ist. Ein einfaches Beispiel macht dies besonders deutlich. Möchte ich eine Schachfigur als Makroaufnahme fotografieren, so stelle ich das Motiv logischerweise anhand des oberen Auges ein. Das Foto wird aber mit dem unteren Auge aufgenommen, welches einige Zentimeter tiefer sitzt. Nach der Entwicklung betrachte ich das Foto und sehe, dass ich lediglich die Tischkante fotografiert habe, da ich diesen Effekt außer Acht gelassen habe.Die Mamiya C220 erinnert mich nicht an dieses Parallaxenproblem. Die größere Schwester, die C330, hingegen besitzt eine Parallaxensimulation in Form eines roten Zeigers, welcher im Nahbereich von oben in den Bildausschnitt des Lichtschachtsuchers eingeschwenkt wird. Im Bereich der Landschaftsfotografie wird dieser Parallaxenfehler vernachlässigbar klein, nicht jedoch die Tatsache, dass ich mit einer anderen Optik fotografiere als fokussiere. Mir sind schon Aufnahmen misslungen, weil ich einen Grashalm, der in das Blickfeld des unteren Auges ragte, auf meinem Vorschaubild nicht bemerken konnte.

 

 

 Fotografie mit noch älteren Kameras:

 Die Mamiya C220 stammt aus den frühen 1970er Jahren. Das mechanische Konzept der zweiäugigen Spiegelreflexkamera geht auf die Rolleiflex 1929 zurück (Daten von Wikipedia). Die analoge Fotografie, wie wir sie über lange Zeit praktiziert haben, geht jedoch auf zwei Herren (William Henry Fox Talbot und Louis Daguerre) zurück, welche ungefähr zeitgleich ihre Verfahren mit Silbernitrat als fotosensitives Medium entwickelt haben um projizierte Bilder dauerhaft festzuhalten. Dies war 1835 bis 1840 der Fall. Also sprechen wir über fast 100 Jahre Fotografie vor dem Zeitalter der zweiäugigen Spiegelreflexkameras. Oftmals blieb es nicht aus Kameras daher "blind" auszurichten. Dies führt nun gänzlich zu weit, aber es zeigt schön auf, wie "unkomfortabel" die Fotografie bereits mit ein paar Schritten in die Vergangenheit werden kann.

Zurück zur Mamiya: Ein Blick hinein auf den technischen Aufbau


Das Filmformat

Die Mamiya ist offensichtlich eine Filmkamera. Jedoch verwendet sie nicht die bis zuletzt gängigen 35mm-Filmpatronen, an welche sich wohl auch noch die Kinder der 80er und 90er Jahre erinnern können. Sie verwendet ein größeres Filmformat. Hinsichtlich des Alters ihrer Technologie mag ich keine Aussagen dazu machen ob nun der Rollfilm oder der 35mm-Film älter oder jünger ist. Meines Wissens ist das 35mm-Format deutlich weiter verbreitet und insbesondere auch für bewegte Filmaufnahmen interessant gewesen. Wohingegen das größere Rollfilmformat eher in der Fotografie Anwendung fand und dazu entwickelt wurde die umständliche Handhabung von Planfilm und Plattenkameras zu erleichtern (kein Gewähr, lasse mich gerne eines besseren belehren).

Ein Kleinbildfilm fasst in der Regel 36 Bilder im Standardformat 24x36 (Angabe jeweils in mm, entspricht heute Vollformat). "Das" analoge Mittelformat hingegen ist nicht so klar definiert (auch beim 35mm-Film gibt es Kameras anderer Formate, dies ist aber eher die Ausnahme). So gibt es Kameras, welche Bilder verschiedenen Formaten von 60x45 bis hin zu 60x170 aufzeichnen. Auf einen 120er-Rollfilm passen 16 Bilder im Format 60x45 oder 4 Bilder im Format 60x170. Die Mamiya C220 bringt 12 Bilder mit einem Seitenverhältnis von 60x60 unter. Zu beachten ist das ungewöhnliche, quadratische Seitenverhältnis, welches nach heutigen Maßstäben des Bildaufbaus nicht ganz einfach zu handhaben ist.

Random Funfact:
Übrigens ist damit analoges Mittelformat weit größer als digitales Mittelformat (verbreitet ist ca. 44x33mm). Allgemein wird digitales Mittelformat häufig überschätzt. Der Unterschied zwischen digitalem Voll- und Mittelformat ist bedeutsam kleiner (1,27) als der zwischen APSC und Vollformat (1,5-1,6).

Zum Vergleich der Cropfaktor zwischen Kleinbild und 6x9 beträgt 2,5!

Eine weitere "Eigenheit" des Rollfilms ist übrigens die Handhabung. Die Kleinbildpatronen werden für die Belichtung zunächst abgerollt, aber wenn der Film voll ist wieder in die geschlossene Patrone hinein zurückgewickelt. Rollfilme hingegen werden direkt von einer Spule auf die nächste gewickelt. Die dann leere Vorratsspule, auf der sich bis dahin der Film befand wird dann für den nächsten Film wieder als Leerspule eingesetzt und so weiter...

Die Fokussierung

Heutige Objektive bestehen aus einer Vielzahl von Linsen. Sie besitzen einen Fokusring am Objektiv. Mit ihm werden die Linsen innerhalb des Objektivs so verschoben, dass die projizierten Lichtstrahlen einen scharfen Fokuspunkt auf der Filmebene erzeugen. Alles was sich vor dem Motiv befindet wird hinter der Filmebene scharf abgebildet, alles was sich hinter dem Motiv befindet davor. Die Brechkraft des gesamten Linsenaufbaus muss umso stärker sein, je näher das Motiv ist, damit die Strahlen sich auf der Filmebene noch treffen können.

Die Objektive der Mamiya sind extrem einfach aufgebaut. Wenige Linsen, welche in einem Metalltubus fest verschraubt sind, sie können nicht zueinander bewegt werden und ihre Brechkraft somit nicht ändern. Deshalb wird ein gänzlich anderes Fokuskonzept verwendet. Die Mamiya ist eine Laufbodenkamera (streng genommen nicht ganz, aber darüber sehen wir mal hinweg). Ihre Linsen sind auf einem Rahmen fest mit der vorderen Gehäusewand der Kamera verbunden. Aber eben jede vordere Gehäusewand ist nicht fest mit dem Rest des Kamerakorpus verbunden, sondern über einen Lichtdichten Balgen. Sie kann zum Rest der Kamera durch einen Zahnstangentrieb verschoben werden. Dadurch ändert sich der Abstand zwischen Linse und Filmebene und eine Fokussierung wird möglich.

Der Sucher

Wie bereits erwähnt verfügt die Kamera über ein oberes Auge mit dem die Fokussierung erfolgt und ein unteres Auge mit dem die Belichtung erfolgt.
Hinter dem oberen Auge befindet sich ein Spiegel, welcher das Bild auf eine Mattscheibe wirft, welche dann eingesehen werden kann.
Das Bild ist aufrecht, aber spiegelverkehrt. Ein etwas komisches Gefühl die Perspektive damit bewusst zu verändern, da alle Abläufe umgekehrt ausgeführt werden müssen. Bei einfachen "Schwenks" ist das noch recht einfach, aber will man seine Perspektive dreidimensional ändern um beispielsweise Fluchtlinien für die Bildsprache auszurichten kann einem dabei schon schwindelig werden. Vor allem muss man aber von oben in die Kamera schauen. Ein Porträtfoto auf Augenhöhe mit seinem Model zu machen ist nur möglich, wenn dieses mindestens einen Kopf kleiner ist als man selbst oder man eine Leiter dabei hat. Ansonsten ergibt sich die TLR-typische "Bauchperspektive". (Wobei Prismensucher durchaus nachgerüstet werden können)

Die Belichtung: Zentralverschluss im Objektiv

Die untere Optik hingegen enthält alles was für den Belichtungsvorgang von Nöten ist. Die Einstellung der Belichtungszeit und Blendenöffnung. Die ISO-Empfindlichkeit wird bei analogen Kameras natürlich nicht über Knopfdruck eingestellt, sondern durch die Empfindlichkeit des Filmmaterials bestimmt. Ein schnelles Wechseln zwischen deutlich verschiedenen Lichtsituationen ist damit nicht so ohne weiteres möglich.

Die Mamiya verwendet, wie viele Mittelformatkameras einen Zentralverschluss. Weil ich im persönlichen Gespräch immer wieder feststellen muss, dass vielen heutzutage gar nicht mehr klar ist, was ihre Kamera eigentlich tut und was der "Verschluss" denn eigentlich ist hole ich hier wieder mal etwas weiter aus. Wer sich dadurch gelangweilt fühlt kann das gern überspringen.

Exkurs: Zentralverschluss vs Schlitzverschluss
Das Filmmaterial in der Kamera ist extrem empfindlich, kommt es auch nur für Bruchteile einer Sekunde mit Licht in Berührung, so ist es belichtet - ob es sich bei diesem Bruchteil um ein Zehntel oder ein hundertstel handelt ist fundamental entscheidend. Nun muss also eine technische Lösung her, mit der ich diese Zeit präzise einstellen und sicher reproduzieren kann. Bei sehr lichtschwachen Objektiven und Filmen ( Anfänge der Fotografie) konnte man den Objektivdeckel noch von Hand abnehmen, Minuten oder Stunden warten und anschließend den Objektivdeckel wieder aufsetzen um die Belichtung zu steuern. Das ist heute in den meisten Fotografiebereichen gänzlich undenkbar.

Die eine Möglichkeit besteht darin ein "Tuch" direkt vor dem Film anzubringen und dieses erst ab- und später wieder zu verdecken. Allerdings wird nicht nur ein Tuch verwendet, sondern zwei. Das erste befindet sich zu Beginn des Belichtungsvorgangs vor dem Film und wird in eine Richtung entfernt. Das zweite Tuch wird zum Ende des Belichtungsvorganges dem ersten hinterhergezogen. Werden besonders kurze Verschlusszeiten gefordert, so wird der Schließvorgang bereits eingeleitet, bevor der Öffnungsvorgang beendet ist. Es ergibt sich ein Lichtspalt (oder besser Licht-Schlitz), welcher über das Bild wandert und dieses belichtet. Dieses System nennt sich folglich Schlitzverschluss.
Ein Vorteil besteht darin, dass der Schlitzverschluss in der Kamera verbaut wird, der Zentralverschluss wird hingegen im Objektiv verbaut. Da in der Regel mehr Objektive als Kameras vorhanden sind ist es also wirtschaftlich sinnig einen Schlitzverschluss zu bauen.
Je größer nun aber das Filmformat wird, desto länger sind die Strecken, die der mechanische Schlitzverschluss zurücklegen muss und desto größer muss dieser auch ausgelegt werden. Dadurch wird er schwerer, erhält eine höhere Massenträgheit und bewegt sich wiederum langsamer. Hinzu kommt der notwendige Bauraum. Im Kleinbildformat werden beinahe ausschließlich Schlitzverschlüsse verwendet. Ab dem Mittelformat werden auch Zentralverschlüsse mechanisch und wirtschaftlich sinnig.

Der Zentralverschluss hingegen befindet sich in Form eines konzentrischen Lamellenkranzes im Objektiv. Jedoch handelt es sich hierbei nicht um die Lamellen, welche für die Einstellung der Blendenöffnung zuständig sind, sondern um einen zweiten, eigenständigen Lamellenkranz. Im Ruhezustand lässt das Objektiv somit kein Licht hindurch. Erst für den Belichtungsvorgang wird es kurzzeitig geöffnet. Dies hat den Vorteil, dass das gesamte Bild zeitgleich freigegeben und wieder blockiert wird. Mechanische Zentralverschlüsse sind natürlich ebenso einer gewissen mechanischen Trägheit unterworfen. Auch gute Zentralverschlüsse erreichen nicht dieselben effektiven Verschlusszeiten, wie Schlitzverschlüsse. Eine 1/500s ist die schnellste Zeit, die die Mamiya schafft - und damit dürfte das Limit auch schon beinahe ausgereizt sein. Schlitzverschlüsse erreichen durchaus kürzere Zeiten von z.B. 1/8000s. Dies ist möglich, da der Schließvorgang bereits beginnen kann, bevor der Öffnungsvorgang abgeschlossen ist. Eine native Blitzsynchronisation ist dann aber nicht mehr möglich.

Bei der Arbeit im Sonnenlicht mit offener Blende ist eine 1/500s jedoch schon reichlich knapp bemessen. Jedoch sind Mittelformatobjektive selten so lichtstark gebaut wie Vollformatobjektive, wodurch die "langsame" Verschlusszeit dennoch ausreicht. Im Zweifelsfall wird man jedoch bereits vorab wissen, wenn man plant sich in solche Bedingungen zu stürzen und kann einen geeigneten Film mit geringer Empfindlichkeit (ISO 50) auswählen.

Der aufmerksame Leser mag an dieser Stelle vielleicht auch einen technischen Nachteil des Zentralverschlusses bemerkt haben. Abgesehen davon, dass in jedes Objektiv ein solcher Verschlussmechanismus eingebaut werden muss, was den Konstruktionsaufwand erhöht (und ein weiteres Verschleißteil bedeutet). Bei einer einäugigen Spiegelreflexkamera, bei der es nur ein Objektiv gibt, muss man durch dieses hindurch schauen können. Sind die Blendenlamellen im Ruhezustand geschlossen, ist dies aber leider nicht möglich. Folglich wird der gesamte Konstruktionsaufwand zur Realisierung eines Zentralverschlusses bedeutsam größer. Während des Einstellvorgangs müsste der Film dennoch lichtdicht abgedeckt werden (beispielsweise durch einen zweiten Schlitzverschluss oder eine manuelle Verriegelungsklappe). Der Spiegel allein gewährleistet dies nicht. Das Objektiv müsste dann mit Energie versorgt oder manuell freigegeben werden um die Blenden zu öffnen. Danach muss das Objektiv schließen, die Abdeckung vor der Filmebene entfernt, der Spiegel hochgeklappt und der Belichtungsvorgang könnte beginnen. Solch ein Vorgang ist ausgesprochen umständlich und rechtfertigt den Nutzen eines Zentralverschlusses bei kleinen Kameras in der Regel nicht.

Und wozu das ganze?


Ich denke über die technischen Raffinessen des Systems habe ich nun bei weitem genug Worte verloren.
Fraglich bleiben doch folgende Fragen: Warum fotografiert man im heutigen Zeitalter überhaupt noch analog? Und warum gerade mit so einer Kamera?

Für mich sind es verschiedene Gründe. Die oben bereits angesprochene emotionale Bindung an die gemachten Bilder ist mit Sicherheit einer davon.
Ein zweiter dürfte die ebenso emotionale Bindung an das technische Relikt meines Großvaters sein. Ich möchte die alte Lady gerne bestmöglich "pflegen". 
Das mag nun zunächst widersprüchlich klingen - eine mechanische Kamera unterliegt doch zwangsweise einem Verschleiß,
sollte man sie dann nicht eher wohlbehütet in der Vitrine bewahren?
Oben erwähnte ich bereits, dass die anderen alten Kameras aus den Beständen meines Großvaters nicht mehr funktionstüchtig sind. Dies liegt allerdings nicht daran, dass sie demoliert wären oder mechanisch verschlissen. Im Gegenteil: Sie wurden zu selten benutzt und falsch gelagert.
Die mechanischen Elemente neigen dazu zu verharzen und zu verkleben, wenn sie nicht ab und zu bewegt werden.
Somit "stehen" sich alte Kameras genau so kaputt, wie sie auch verschleißen. Ein gesundes Mittelmaß zwischen Schonung und Benutzung ist die beste Pflege. Wichtig ist auch, dass sie vor Staub und Feuchtigkeit geschützt werden. Staub dient als Nährboden für Schimmelpilze und Feuchtigkeit begünstigt ihr Wachstum. Dadurch werden Linsensysteme oftmals "blind" im Laufe der Jahre.

 

Die Mamiya passt auch irgendwie ein Stück weit zu mir als Mensch oder besser gesagt sie hilft mir an meinen Schwächen zu arbeiten.
Ich bin ein hektischer Fotograf. Technische Raffinesse kann für mich nie zu viel vorhanden sein. In Bruchteilen von Sekunden habe ich mich in Details verloren. Schnell vergisst man das eine oder andere und tastet sich so in einer unnötig langen Rekursivschleife mehr und mehr an ein gutes Ergebnis heran. Vielleicht übersieht man einige Sachen auch komplett, man redet zu wenig mit seinem Modell, weil man im Kopf damit beschäftigt ist die richtige Perspektive zu wählen.
Bei der Mamiya ist hingegen alles endgültig - und teuer - ein einziges Foto kostet durch Filmmaterial und Entwicklung 1€. Es muss jeder Handgriff sitzen, denn man sieht das belichtete Bild nicht. Es geht darum koordiniert zielsichere Entscheidungen zu treffen, die nicht widerrufen oder korrigiert werden können.
Es fühlt sich so an, als würde dieser Prozess das eigene Selbstbewusstsein stärken - auch über die Fotografie hinaus.


Sie ist für meinen fotografischen Verstand eine Herausforderung. Ich verwende Schwarzweiß-Film. Dadurch muss die Motivwahl ganz anders ausfallen. Eine Blume zu fotografieren, weil sie farbenprächtig ist, ist sinnlos. Auch das quadratische Filmformat zwingt einen aus dem goldenen Schnitt herauszutreten, denn dieser funktioniert schlichtweg nicht. Die gesamte Bildsprache muss anders und somit "neu" entwickelt werden.
Wenn man pro Motiv nur einen Versuch opfert, dann ist es ausgesprochen ärgerlich, wenn das fertig entwickelte Negativ nichts geworden ist. Umso konzentrierter arbeitet man vor Ort. Diese Konzentration allein sorgt dafür, dass man weniger Fehler macht und in der Regel jeden Fehler nur ein einziges Mal.

 

Fazit:

Am Ende ergibt sich eine extrem steile Lernkurve für den eigenen Prozess.
Nur wenige Filmrollen später hatte ich bereits den Eindruck wirklich viel neues gelernt zu haben.
Ich würde, auch wenn es etwas überzogen klingen mag, sogar so weit gehen, es als "Bewusstseins-erweiternde Erfahrung" zu betiteln.
Die eigentliche Pointe besteht darin, dass ich diese Kamera schon früher öfter mal verwendet habe. Trotzdem finde ich erst jetzt wirklich diese "Bindung" zu ihr. Ich glaube, man kann immer nur das Lernen, wofür man gerade schon bereit ist - und offensichtlich war ich das bis heute nicht.

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