Ein Lichtstativ für die Flugreise


Um endlich mal wieder einen neuen Blogeintrag zu schreiben, gibt es nun eine kleine Geschichte aus dem vergangenen Jahr.
Es gab da ein Model in Italien, mit dem ich bereits seit mehreren Jahren Kontakt habe und mit dem ich schon lange zusammen arbeiten wollte.
Im Juni 2019 sollte es soweit sein. Ich habe einen Flug gebucht und habe sie besucht. Ja, es hat sich für mich gelohnt. Aber dieser Blogbeitrag soll von meinen Problemen vor der Reise berichten...

Mir fehlte das richtige Lichtstativ.

Wie viele Lichtstative braucht ein Fotograf eigentlich - und wieviele Lichtstative hat er tatsächlich?
Mittlerweile zähle ich 11 Stative in meinem Besitz, von denen ich wohl nicht mehr als 5-6 Stück bräuchte und soweit ich mich entsinnen kann, habe ich 3 Stück bereits abgegeben in den vergangenen Jahren.
Die Bauarten der einzelnen Stative unterscheiden sich jeweils, wodurch sich ihre ursprüngliche Anschaffung gerechtfertigt hat. Ich war der Meinung, dass es für meinen alltäglichen Gebrauch jeweils noch eine bessere Alternative gab, als die Stative, die ich bereits besessen hatte. Teilweise waren dies Trugschlüsse.
Aber dies werde ich wohl in einem anderen Blogeintrag mal auseinander divideren.

Lichtstative verschiedener Bauformen, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe:
Manfrotto Nano - ca. 50 cm Länge
Manfrotto Mini Compact - ca. 70 cm Länge
Walimex Pro WT-806 - ca. 95 cm Länge

Mein eigentliches, konkretes Problem gestaltete sich wie folgt:

Ich musste mein Equipment in den Reisekoffer kriegen. Der Reisekoffer hatte eine Länge von 72 cm. in der Diagonale waren es knapp 80 cm.
Die Lichtstative, mit denen ich im Alltag bislang am meisten gearbeitet hatte, waren um die 90 cm lang. Das passt also beim besten Willen nicht.
Die verfügbaren Alternativen waren Manfrotto Compact Mini mit rund 70 cm Länge und Manfrotto Nano mit rund 55 cm Länge. 
Beide sind sehr klein und leicht, aber sehr sehr instabil und erwecken nur wenig vertrauen. Sie funktionieren gut, wenn man nur einen kleinen Aufsteckblitz ohne Lichtformer auf ebenem Grund und ohne Wind aufstellen möchte. Aber als Stativ für eine Hauptlichtquelle? Insbesondere, wenn man sie auf zwei Meter Höhe ausfahren muss?

Nunja, die Physik lässt sich nicht austricksen. Entweder ein Stativ hat ein kleines Packmaß oder es ist stabil. Hinzu kommt die Anforderung, dass die Lichtquelle höher stehen musste, als das Gesicht des Models. Also sprechen wir über die bereits erwähnten zwei Meter Höhe.

Da ich aber mit der italienischen Sonne gerechnet habe, sollte ein teurer Porty auf dem Stativ Halt finden, also wollte ich kein Risiko eingehen.
Dieser Konflikt hat mich wochenlange Recherche gekostet, aber ich konnte ein Stativ finden, welches mein Problem lösen konnte - und noch mehr.
Tatsächlich hat dieses Lichtstativ für mich einen Paradigmenwechsel bedeutet und alles, was ich bis dahin dachte zu wissen, infrage gestellt.

Bei "normalen" Lichtstativen wird die Gesamtlänge des Packmaßes hauptsächlich durch die Länge der Beine limitiert. Lange Beine garantieren eine breite Standfläche, was wiederum die Stabilität erhöht. Während die Mittelsäule einen Teleskopmechanismus aufweist und somit in ihrer Länge auf ein Drittel oder weniger reduziert werden kann,  sind die Stativbeine immer aus einer einzigen, durchgehenden Stange, deren Länge nicht reduziert werden kann. (warum hat noch keiner Teleskopbeine für Lichtstative erfunden? Für Kamerastative ist dies doch bereits Stand der Technik.)
Ein anderes Konzept versprechen die C-Stands. Bei Ihnen sind die Beine anders geformt. Sie werden nicht nach oben zusammengefahren, sondern zur Seite zusammengeklappt. Bei einem normalen C-Stand ergibt sich dadurch eine extrem sperrige L-förmige Geometrie im zusammengeklappten Zustand.
Jedoch wird dadurch die Breite der Standfläche von der zusammengeklappten Länge des Stativs unabhängig. 

Links das Manfrotto Mini Compact - Die Beine klappen flach an der Mittelsäule zusammen.
Rechts das Manfrotto Avenger C-Stand - Die Beine werden seitlich zusammengelegt.
Dadurch wird die Länge der Mittelsäule nicht mehr durch die Länge der Beine/die Breite ihrer Standfläche limitiert.
Zudem erweist sich die Beingeometrie des C-Stands als günstiger für die Beschwerung, da Gewichtstaschen nicht von den Beinen herunterrutschen. 

Noch kürzer wird das ganze Konzept dann, wenn der Fuß noch im gesamten abschraubbar ist.
Manfrotto verwendet für diese Technologie, bei der Mittelsäule und Fuß voneinander getrennt werden können "Turtle Base".
Der Fuß erreicht im zusammengeklappten Zustand eine Länge, die dem Radius seiner Standfläche entspricht. Eine Standfläche von 90 cm ist für ein normales Lichtstativ bereits beeindruckend groß, jedoch ergibt sich daraus auch eine entsprechend große Packlänge.
Im Radius bedeutet dies jedoch nur 45 cm Packlänge des Fußteils, was sogar noch für das Handgepäck kurz genug wäre.
Für die Mittelsäule kann nun eine ähnliche Rechnung aufgemacht werden. Wobei ich die Werte jetzt nicht nachgemessen habe, sondern lediglich einmal das Gedankenmodell hinter der Konstruktion veranschaulichen wollte.

Längstes Teil des Avenger C-Stands ist die Mittelsäule mit unter 70 cm Länge.
Der breite Standfuß macht den "Bausatz" sperriger, das gesamte Stauvolumen des C-Stands ist also deutlich größer als beim herkömmlichen Lichtstativ.
Aber begrenzender Faktor für den Transport im Reisekoffer war lediglich die Packlänge - und diese ist beim C-Stand kürzer!

Insgesamt ergibt sich für mich daraus ein vielteiliger Bausatz als Stativ, der in seinem Stauvolumen viel unhandlicher und zudem komplizierter ist, als ein normales Lichtstativ. Aber seine Packlänge - und somit der limitierende Faktor für meinen Koffer - ist unschlagbar kurz.
Es sei jedoch noch angemerkt, dass die Mittelsäule mit 68 cm Länge als Stativ nur auf 158 cm ausgefahren werden kann. Erst durch einen zusätzlichen 50 cm Boomarm oder eine anbaubare Mittelsäulenverlängerung wird die kritische Länge von zwei Metern erreicht. Aber auch diese bleiben unter den kritischen 72 cm Kofferlänge. 

Zudem ist dieses Stativ unfassbar massiv. Hier wurde kein Blech verbaut sondern dickwandiger, verchromter Edelstahl. Der Fuß trägt meine 75 kg Kampfgewicht, wenn ich mich auf ihn stelle, ohne zu ächzen. Die Mittelsäule würde sich auch bei stärkstem Orkan keinen Millimeter biegen. Dies schlägt mit einem Gesamtgewicht des Systems von rund 6 kg zu buche. Mein bislang stabilstes Stativ, das Jinbei M1, mit über 120 cm Packlänge (welches nichtmal quer ins Auto passt!) ist gerade einmal halb so schwer. Hat man einmal mit einem solch schweren Lichtstativ gearbeitet, verschiebt sich die eigene Wahrnehmung. Jedes andere Stativ wirkt plötzlich wie ein klappriger Gartenstuhl aus dem Ausverkauf.

Avenger C-Stand mit dem Standardausleger von einem Meter Länge.
Für mein Reisegepäck habe ich mir zudem den kürzeren Ausleger mit 50 cm Länge besorgt.
Dadurch ergibt sich eine Stativhöhe von rund zwei Meter bei vertikalem Ausleger.

Ja, 6 kg ist ein stattliches Gewicht für ein Lichtstativ. Für einen blanken Aufsteckblitz ohne Lichtformer ist dieses Stativ absolut überdimensioniert.
Aber als Hauptstativ für das Hauptlicht mit einem großen Lichtformer ist es für mich mittlerweile unverzichtbar und ich bin jederzeit bereit es auch auf eine Bergwanderung mitzunehmen. Denn genau in diesen Situationen treten Wind und unebener Untergrund auf, wo es seine Vorteile vollends ausspielen kann.

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